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Dr. Enno Stahl:

Wolfgang Freund. Virologie, Comic- Typie + Hintergläsernes

Angefangen hatte es mit den Viren: es war die Zeit von HIV und eventueller anderer Seuchen, des „Dibilitäsvirus“, des „Unglaublich!-Virus“, des „Suffvirus“ und nicht zuletzt & vor allem des „Kunstpiraten-Virus“. Viren waren allenthalben präsent und Wolfgang Freund bannte also bloß das in Farbe & Figur, was er sah, jeden Tag & alltäglich, so wie er es sah, diese kleinen prägnanten Dinger, die sichtbar oder auch nicht durch die Luft wirbelten, was sie ja noch heute tun. Um die quirligen Viecher zu erwischen, quasi in motu, ergab sich nur eine Möglichkeit: sie im Moment einzufrieren, sie festzuhalten, sie regelrecht „herauszusägen“ aus einem Realitätsdetail. Freund tat das, und zwar aus Sperrholz, „Laubsägearbeiten“, wie übelmeinende Kritiker es nannten – dabei ist das keinerlei Beleidigung, bezeichnet es doch allein die handwerkliche Präzision der Arbeiten, die mit der Stichsäge nicht einfach zu bewältigen ist.

Die „Viren“ sind natürlich kleine Monster mit spitzen Zähnen – sie beißen sich fest damit und mit den grellen, popbunten Farben, die sich ins Auge des Betrachters haken. Und natürlich sind es Comic-Monster mit großen Glubschern, blödem Grinsen & fuchtelnden Armen. Wie der Comic sagen auch sie etwas über die Welt über Verhaltensweisen von Menschen, erzählen von den ganzen beknackten  Säcken & debilen Tussis, die einem so begegnen. Sie sind extrem diesseitig, sie stehen mit uns in der Kneipe rum oder wir sehen sie unterwegs in der Stadt.

Diese Viren, das war 1992, in der Folge erweiterte Wolfgang Freund sein Repertoire beträchtlich, arbeitet inzwischen auch virtuell, aber auch „aussägemäßig“ in anderer, reduzierter Weise. Seine aktuellen Objekte nämlich beschränken sich auf einen einzigen durchgehenden Strich und bewahren so den ursprünglichen Charakter der Zeichnungen, auf den sie basieren. Wie eine Eddingstruktur, schnell & flüchtig hingeworfen irgendwo in der U-Bahn, auf der Parkbank oder einer Hauswand, einfarbig schwarz verrütteltete Gesichter, die nun in den Kontext „Wandobjekte“ transferiert sind.  Die „Sägetechnik“ hat hier ein äußerstes, filigranes Niveau erreicht, sie hat sich weitestgehend der Leichtigkeit des Zeichnens angepasst.

Aber auch sonst ist der Künstler der skulpturalen Linie seiner  Malerei treu geblieben. Über verschiedene Arbeitsschritte hat er wieder zu einer anderen, raumwirksamen Umsetzung gefunden, die eine ganz verblüffende Qualität erreicht. Er hat sich nämlich die „Hinterglasmalerei“ nutzbar gemacht, allerdings eine Form davon, die freilich wenig mit den Vorstellungen zu schaffen hat, welche man gemeinhin mit dieser Technik verbindet. Über einfache Konturenbilder mit Filzern, bei denen eine Plexi-Platte auf einen Holzrahmen geschraubt ist (womit also die Verarbeitung Bestandteil des Objekthaften wird), entwickelte er Porträts, Comic-Köpfe, die absolut knallen, eine sehr poppige „High-End“ Qualität suggerieren, aber nichtsdestotrotz gemalt sind, nicht gedruckt und nicht geplottet.

Die Perfektion, die man ansonsten eben nur von einer industriellen Fertigung her kennt, wird hier nur vorgetäuscht, sie ist Ergebnis eines mühevollen Prozesses mit vielfältigen Übermalungen, die am Ende kein Auflagenobjekt oder gar Massenprodukt, sondern ein vollkommenes Unikat entstehen lassen. Die malerische Technik wird so Mittel zu ihrem Verschwinden.

Auch der Comic-Charakter, der zwar in der Art der Darstellung weiter unbestreitbar bleibt, erfährt eine Wandlung, ist er doch so reduziert aufs Detail, nämlich den Kopf, wie es weiter wohl nicht mehr geht. Er wird damit zu einer künstlerischen Gestaltungsweise, die als Stil aufgegriffen, zitiert und zur individuellen Gestaltung von Menschen eingesetzt wird.  Dieser Stil tendiert natürlich zur Typik (denn das ist ein Grundzug der  Comic-Kunst, der auch hier erhalten bleibt). „Martin“, „Die schönes Marie“ sind nicht einzelne Individuen, sondern alle jene Martins uns schönen Maries, die so rumlaufen. Comichafte Darstellung ist immer ein parodistisches Herausgreifen kleinster gemeinsamer Nenner verschiedener Leute oder Gruppen von Leuten, ein Veranschaulichen allgemein bekannter Phänomene & Phänotypen. Die Geschichte, die der Comic für gewöhnlich erzählt, erweist seinen Anspruch aufs „Gesamtkunstwerk“, verstellt aber oft gerade deshalb den Blick auf die zeichnerischen/malerischen Qualitäten (oder lässt diese aufgrund serieller Bildproduktion nicht mehr zu). Wolfgang hingegen lässt  das malerische Prinzip zu seinem alleinigen Recht kommen und die „Story“ fällt stattdessen unter den Tisch.

Während er einerseits (wie gesagt) den Weg der Reduktion beschreitet, widmet er sich andererseits auch einer entgegengesetzten Methodik, der „Expansion“, der Ausbreitung zeichnerischer Vielfalt. Am eindrucksvollsten demonstriert das sein  „Unterwasserbild“, ein großformatiges Acrylgemälde, das in minutiöser Manier den Gesamtkontext einer vielbevölkerten submarinen Landschaft abzubilden versucht. Inspiriert von einem Tauchkurs auf den Malediven, fasziniert von der traumhaften Fülle & Farbvielfalt der Unterwasserflora und –fauna zeigt dieses Bild in eigener Weise diese Idylle, welche natürlich durch die beinahe kinderbuchtaugliche Gestaltungsart wieder ironisch gebrochen ist. Diesem Werk gelingt es aber gerade deshalb, seine Absicht (den Gefühls- und Wahrnehmungskomplex) dem Rezipienten adäquat zu vermitteln, mit seinen überall wimmelnden lustigen Fischen, den glotzenden Schnorchelmännern – kein Foto könnte das je so rüberbringen.

Eine andere Art, größere Zusammenhänge zu erstellen, ist eine Serie von 100 Miniaturen, Täfelchen im Format 15 x 15 cm, die quasi tagebuchartig alle möglichen Szenerien, Gedanken und Ideen aufgreifen – ziemlich „trashig“ sind sie gemacht, mit Farbklieren und hingerotzten Figuren, verraten eine absichtliche Flüchtigkeit, deren Programmatik zum Beispiel ein Motiv unterstreicht: Da hält ein Mädchen ein Schild, darauf steht geschrieben „Trash“. Der Reduktionismus tritt hier gleichermaßen zutage, wird aber in der Reihe von Einzelobjekten im größeren Verbund aufgehoben. Freund begreift diese Bilder als „clip-art“, sie bilden damit den Bezug zu seinem aktuellsten Arbeitsgebiet, dem Computer: es sind diese gewissermaßen „icons“, statt auf dem Monitor hier in Realzeit verankert.

Wolfgangs virtuelle „icons“ dagegen operieren nunmehr tatsächlich aus der Bewegung heraus, die digitalen Möglichkeiten haben auch die Viren laufen lernen lassen: kleine obszöne Szenen, immaterielles Daumenkino mit 2 Millionen? Farben – der Maler als sein eigener Regisseur. Und wer weiß, vielleicht weisen solche aktuellen Miniatur-Clips auf kleine Filmchen voraus, die dann doch solche Geschichten erzählen, welche die malerischen Arbeiten bislang verweigern.

 

Maximilian von Bitterfeld, Kunsthistoriker, Berlin: 

Wolfgang Freund – Cartoon Pop Art

Urbane Lebensfreude schrill bunter Figuration ist das Fundament der Arbeiten von Wolfgang Freund. Eine über Jahre gewachsene Anzahl grafischer Elemente, – Gesichter, Körperteile, Comicfiguren, Blüten und weitere Symbole bilden das Alphabet einer eigenen Sprache, die ohne Worte auskommt und sich somit über Sprach und Kulturbarrieren hinwegsetzt, Ideen, Gefühle und Inhalte humorvoll zu vermitteln. Über tägliches Zeichnen entstand eine moderne Hieroglyphenschrift, deren expressiver Charakter den Betrachtenden herausfordert individuell zu reflektieren. Der Bildinhalt bildet Schnittstelle zwischen informationsvehementer Aussage des Künstlers und konsterniertem Verständnis des Konsumenten. Bildelemente werden unterschiedlich miteinander verknüpft, so dass eine eindeutige Interpretation unmöglich ist. Das Verwirrspiel fordert den Betrachter zu einem Gedankenduell heraus. Eine vom ersten Eindruck naiv-kindliche Darstellung gerät bei näherer Betrachtung zu einer kniffligen Aufgabe das dem Lösen eines Puzzles nahekommt. Die intellektuelle Herausforderung ist Konzept. Überfrachtete Strukturen als Ausdruck unserer geräderten Informationsgesellschaft haben allerdings stets das eine Ziel, mittels positiver Energie einen grillenhaften Optimismus zu entfachen. Die bewusst zweidimensionale Gestaltung führt bei den Glasbildern mittels Teiltransparenz in eine dreidimensionale Zerstreuung. Jugend und Jugendlichkeit bilden im Kreislauf des Lebens durch Schönheit und Ästhetik den zentralen Knotenpunkt. Liebe, Befruchtung, Knospen und Blüten sind immer wiederkehrende Bestandteile im grafischen Werk.